Die Kunst der echten Regeneration
Wie Lehrkräfte ihre Ferienzeit strategisch nutzen können
Yannik Weese
Wie Lehrkräfte ihre Ferienzeit strategisch nutzen können
Yannik Weese
„Lehrer müsste man sein – vormittags recht, nachmittags frei und ständig Ferien!“ Wer kennt diesen Spruch nicht? Doch die Realität im Lehrerzimmer sieht anders aus. Ferien sind für Pädagogen keine bloße Freizeit, sondern ein notwendiges Instrument, um die Akkus nach Phasen extremer Belastung wieder aufzuladen.
Damit du nach den Ferien nicht erschöpfter zurückkehrst, als du sie begonnen hast, erfährst du hier, wie du die freie Zeit strategisch und gesund nutzen kannst.
Eine relevante Untersuchung der Universität Hamburg (2025) belegt, was viele im Kollegium fühlen: Die Arbeitsbelastung von Lehrkräften ist nicht linear verteilt. Während der Unterrichtsphasen leisten Pädagogen im Schnitt eine Wochenarbeitszeit, die weit über der von Industriearbeitern liegt – oft bis zu 48 oder 50 Stunden, wenn man Korrekturen und Elternkommunikation einrechnet.
In der „Hamburger Arbeitszeit- und Belastungsstudie 2024“, die im Auftrag der GEW Hamburg durchgeführt und im September 2025 in ihren finalen Ergebnissen präsentiert wurde, haben über 1.000 Lehrkräfte an Hamburger Stadtteilschulen und Gymnasien detailliert ihre täglichen Arbeitszeiten dokumentiert. Die ersten detaillierten Auswertungen wurden am 29. September 2025 auf einer Pressekonferenz vorgestellt.
1. Massive Überstunden: Vollzeitlehrkräfte arbeiten während der Schulwochen im Durchschnitt 48,5 Stunden pro Woche. Das liegt weit über der tariflich vorgesehenen Zeit (rechnerisch müssten es ca. 46,5 Stunden sein, um die Ferien auszugleichen – die Realität liegt also noch einmal 2 Stunden darüber).
2. Überschreitung von Höchstgrenzen: Rund 25 % der Lehrkräfte überschreiten regelmäßig die gesetzlich zulässige Höchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche (im Durchschnitt über das Jahr).
3. Arbeit in den Ferien: Die Studie belegt schwarz auf weiß, dass Lehrer keineswegs „nur frei“ haben. Ein signifikanter Teil der Korrekturen und Verwaltungsaufgaben wird in die Ferienwochen verlagert, was die eigentliche Regenerationszeit verkürzt.
4. Gesundheitsrisiko: Über 70 % der Befragten gaben an, dass es an ihren Schulen keine ausreichenden Maßnahmen zum Stressmanagement gibt. Rund ein Drittel der Lehrkräfte zeigt deutliche Symptome psychischer Erschöpfung (Burnout-Risiko).
5. Digitaler Stress: Ein neues Ergebnis der 2024/25er Auswertung ist die Belastung durch die Digitalisierung. Statt zu entlasten, führt die ständige Erreichbarkeit und die Nutzung paralleler Systeme zu einer „Entgrenzung“ der Arbeit.
Die Studie verdeutlicht, dass die Ferienzeit mathematisch gesehen ein Nachholen von Ruhezeiten ist. Wer in den Ferien „durcharbeitet“, riskiert ein chronisches Defizit, das laut der Forschung direkt mit einer erhöhten Burnout-Quote und einer sinkenden Unterrichtsqualität korreliert. Erholung ist also eine professionelle Pflicht gegenüber sich selbst und den Schülern.
Hier sind die vier zentralen Säulen einer sinnvollen Feriennutzung, detailliert aufbereitet:
Der Übergang von 150 % Belastung auf 0 % Aktivität ist für den Körper paradoxerweise Stress. Viele Lehrkräfte werden pünktlich am ersten Ferientag krank (die sogenannte Leisure Sickness). Das Immunsystem, das unter Adrenalin monatelang funktioniert hat, fährt schlagartig herunter, und Infekte haben leichtes Spiel.
Nutze die ersten 48 Stunden der Ferien daher ganz bewusst als „Dekompressionsphase“. Plane keine Fernreisen, keine großen Familienfeste und vor allem keine Hausarbeit. Es geht darum, dem Körper zu signalisieren, dass die Gefahr (der Stress) vorbei ist. Erlaube dir, lange zu schlafen, ziellos spazieren zu gehen oder einfach nur auf dem Sofa zu sitzen. Dieser Puffer dient als physiologische Schleuse, die den Cortisolspiegel langsam sinken lässt, statt ihn abstürzen zu lassen. Erst wenn dieser Pegel stabil ist, beginnt die eigentliche regenerative Phase der Ferien.
In einer digitalisierten Schulwelt beginnt der Feierabend oft erst im Bett. WhatsApp-Gruppen mit Kollegen, E-Mails von besorgten Eltern oder Benachrichtigungen aus Lernplattformen halten das Gehirn in einem permanenten Bereitschaftsmodus. Für eine echte Erholung ist jedoch die mentale Distanzierung entscheidend.
Das bedeutet für die Ferien: Deaktiviere alle schulbezogenen Benachrichtigungen auf deinem Smartphone. Wenn es dir schwerfällt, komplett offline zu gehen, etabliere ein striktes „Check-Fenster“. Erlaube dir zum Beispiel nur am Vormittag für 30 Minuten, E-Mails zu sichten. Außerhalb dieser Zeit bleibt die dienstliche Kommunikation eine Tabuzone.
Das größte Hindernis für die Erholung ist das „schlechte Gewissen“. Man hat das Gefühl, die liegengebliebene Korrektur oder die Stoffverteilungspläne würden wie ein Damoklesschwert über den Ferien schweben. Die Lösung ist eine strikte zeitliche Segmentierung nach der 70:30-Regel.
Widme maximal die ersten 30 % deiner Ferienzeit den notwendigen administrativen Aufgaben. Erledige Korrekturen oder die Vorbereitung des neuen Halbjahres blockweise und konzentriert. Wenn dieser Block abgeschlossen ist, erklärst du die Arbeit für offiziell beendet. Die verbleibenden 70 % der Zeit sind eine „dienstfreie Zone“. Der psychologische Effekt ist enorm: Du genießt die zweite, längere Phase der Ferien mit dem befreienden Gefühl, alles erledigt zu haben. Nichts tötet die Erholung effektiver, als wenn man die Arbeit über die gesamten Ferien „verkleckert“ und so nie das Gefühl eines echten Abschlusses erreicht.
Viele Fortbildungen fühlen sich wie eine zusätzliche Last an. Sinnvolle Feriennutzung bedeutet jedoch auch, den Geist mit Dingen zu füttern, die nichts mit dem Lehrplan zu tun haben. Wahre Inspiration entsteht oft durch Cross-Pollination – also das Übertragen von Ideen aus völlig fremden Bereichen in den Unterricht.
Statt das zehnte Pädagogik-Handbuch zu lesen, besuche eine Kunstausstellung, lerne eine neue Sportart oder widme dich einem handwerklichen Projekt. Diese Aktivitäten aktivieren andere Hirnareale als der Schulalltag. Wenn du dich mit Architektur, Astronomie oder Gartenbau beschäftigst, schaffst du neue assoziative Verknüpfungen. Oft kommen dir genau bei diesen „fremden“ Tätigkeiten die besten Ideen für ein neues Projekt mit deiner Klasse. Erholung bedeutet hier nicht Passivität, sondern den Wechsel von der fremdbestimmten Pflicht zur selbstbestimmten Leidenschaft.
Ferienzeit ist für Lehrkräfte eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Wie die Studie der Universität Hamburg unterstreicht, dient dieser Zeitraum dem Abbau massiver Überstunden und dem Schutz vor psychischer Erschöpfung.
Wer die Ferien sinnvoll nutzt, indem er einen bewussten Übergang schafft, digitale Grenzen zieht, Arbeit strikt begrenzt und Raum für echte Inspiration lässt, investiert direkt in seine berufliche Langlebigkeit. Ein Lehrer, der mit leuchtenden Augen und neuen Geschichten aus den Ferien zurückkehrt, bewirkt bei seinen Schülern mehr als jede noch so akribisch formatierte Arbeitsblatt.